Home

 Literaturwissenschaft

 Medien-/Sprachkritik

 Zimbrisch

 Aktuell

 Persönlich

 

 

 

Letzte Änderungen: 26.Oktober 1999

BuiltByNOF

{Home}       {Vorherige Seite}      {Nächste Seite}       {Nach oben}


Sternheim, (William Adolf) Carl, * 1. 4. 1878 Leipzig, † 3. 11. 1942 Brüssel; Grabstätte: ebd., Cimetière d'Ixelles. - Dramatiker, Prosaist (Erzählungen, Romane, Zeitkritisches).

Mütterlicherseits stammte S. aus einer protestantischen Buchdruckerfamilie, väterlicherseits aus einer jüd. Bankiersfamilie. Nach dem Abitur (Berlin 1897) studierte er in München, Göttingen, Leipzig, Jena, Berlin, Freiburg i. Br. u. Heidelberg, u. a. Philosophie (Erkenntnistheorie), Rechts- u. Staatswissenschaften u. Literatur- u. Kunstgeschichte ohne Abschluß. Von großem Einfluß auf seine Literatur- u. Kunsttheorie sowie auf die Darstellungsweise seiner Dramen waren der Neu-Kantianer Rickert, der Kunsthistoriker Wölfflin, die Literaturgeschichtler Köster u. Witkowski.

1900 heiratete S. Eugenie Hauth u. ließ sich in Weimar als Schriftsteller nieder. Nach der Scheidung 1906 heiratete er 1907 Thea Löwenstein, geb. Bauer (* 25. 11. 1883 Neuss, †5. 7. 1971 Basel), die fortan seine künstlerischen Arbeiten kritisch-fördernd begleitete u. mit ihrem Vermögen der Familie eine großbürgerl. Existenz ermöglichte. Das 1908 in Höllriegelskreuth bei München erbaute Haus »Bellemaison« wurde für einige Jahre zum Künstlertreffpunkt (u. a. Frank Wedekind, Mechtilde Lichnowsky u. Max Reinhardt). In dieser Zeit begann S. mit dem Aufbau einer nennenswerten Kunstsammlung (u. a. van Gogh, Gauguin, Renoir, Matisse, Picasso, Albrecht Altdorfers Kreuzigung). Nach der Scheidung der zweiten Ehe 1927 war S. 1930-1934 mit Wedekinds Tochter Pamela verheiratet. Seit 1930 wieder (wie schon mit kriegsbedingten Unterbrechungen zwischen 1912 u. 1918) in Belgien wohnend, lebte S. seit 1935 mit Henriette Carbonara zusammen.

Zusammen mit Franz Blei gab S. 1908 den ersten Jahrgang der literarisch-künstlerischen Zweimonatsschrift »Hyperion« heraus. Befreundet war er mit Hugo von Tschudi, Fritz von Unruh, Walther Rathenau, Ernst Stadler u. Otto Vrieslander; mit Carl Einstein u. Gottfried Benn plante er 1917 u. d. T. Enzyklopädie zum Abbruch bürgerlicher Ideologie eine krit. Revue bourgeoiser Herrschaftsformen. Seine Freundschaft mit Franz Pfemfert brachte ihn zeitweise in die Nähe des Kreises um die Zeitschrift »Die Aktion« u. damit in einen distanziert bleibenden Kontakt zum Expressionismus. Das Preisgeld des Fontane-Preises, der S. 1915 zugesprochen wurde, gab er an den damals noch unbekannten Franz Kafka weiter, um auf ihn als einen bedeutenden Erzähler aufmerksam zu machen. Seine Freundschaft mit den Malern, Grafikern u. Holzschneidern Ottomar Starke, Franz Masereel u. Conrad Felixmüller schlug sich in Illustrationen seiner Werke nieder.

Augenfälligstes Moment in S.s Schaffen ist die Zusammenfassung von Werken zu Zyklen, denen sich später entstandene Texte jeweils zuordnen lassen. So stehen die Dramen seit 1908 unter dem iron. Reihentitel Aus dem bürgerlichen Heldenleben; die Erzählungen sind zusammengefaßt zur Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn u. werden durch den Anachronismus des Obertitels kritisch perspektiviert, zeitkrit. Texte zentrieren sich um den Begriff des »Juste milieu« (Berlin oder Juste milieu. Mchn. 1920. Tasso oder Kunst des Juste milieu. Bln. 1921).

Der deutlichste Differenzpunkt zwischen den zum Frühwerk gerechneten Dramen u. dem sog. Hauptwerk ist eine explizite, v. a. an Schopenhauer u. Nietzsche geschulte Sprachreflexion, die S. in dem Imperativ Kampf der Metapher! (Aufsatz gleichen Titels im »Berliner Tageblatt« 1917) bündig formulierte; sprachkritische Implikationen beeinflussen durchgehend die dramat. Gestaltung eines zu Phrasen entstellten Sprechens. Insbesondere die Konzeption der Figuren u. der Circulus vitiosus der Handlungsabläufe zeigen S.s Intention, die sozialen Probleme auf ihre Ursachen in einem falschen Bewußtsein zurückzuführen. Canettis Komödien verarbeiten später Einflüsse der von S. entwickelten sprachkritischen Dramaturgie.

Ausgangspunkt der Dramen Aus dem bürgerlichen Heldenleben bilden die Komödien Die Hose (Bln. 1911), Die Kassette (Lpz. 1912) u. Bürger Schippel (ebd. 1913), in denen die Störung bürgerlich-alltägl. Ordnung, Erbschaftsangelegenheiten u. soziale Abgrenzungen zwar noch eine komödiengerechte Lösung finden, diese aber zgl. das »gute« Ende problematisiert u. damit den Anspruch der Gattung, die Lösung des Konflikts sei seine Aufhebung, zerstört. Deutlich ausgestellte familiäre u. soziale Verbindungen der Dramenfiguren gewinnen Bedeutung erst dadurch, daß sie zu Erscheinungsweisen eines verhängnisvollen Sprachzusammenhangs werden, dem keine Figur, auch nicht durch sozialen Aufstieg, zu entrinnen vermag. In drei weiteren Dramen (Der Snob. Ebd. 1914. 1913. Ebd. 1915. Das Fossil. Potsdam 1925), die die Geschichte der in Die Hose eingeführten Familie des Theobald Maske entfalten, intensiviert sich die dramat. Perspektive des »bürgerlichen Heldenlebens« als eines Sprachkosmos u. damit als eines Bewußtseinszusammenhangs. Mit dem Verzicht auf Artikel u. Adjektive sowie durch seinen inversiven Sprachgestus (am deutlichsten in den Umstellungen des Genitivattributs) versucht S., den Blick auf jenes Konglomerat von Sprachklischees u. Phrasen freizulegen, aus dem »des Bürgers betrügerisches Idiom« (Sternheim) besteht. Um diesen Kern von sechs Dramen Aus dem bürgerlichen Heldenleben gruppieren sich die späteren Stücke in unterschiedl. Nähe: Der Kandidat (Lpz. 1914; nach Flaubert), Das leidende Weib (ebd. 1915; nach Klinger), Tabula rasa (ebd. 1916), Der Stänker (ebd. 1917. Urauff. u. d. T. Perleberg. Ffm. 1917), Der Nebbich (Mchn. 1922), Die Schule von Uznach (Potsdam 1925), Oscar Wilde (Bln./Wien/Lpz. 1926) variieren jeweils Aspekte des dargestellten Sprachkosmos, indem sie Probleme öffentlich-polit. Rede, des Nationalismus, der Pädagogik oder des Individualismus thematisieren.

Von den 19 zwischen 1912 u. 1923 entstandenen Erzählungen faßte S. 14, die zuvor in Einzelausgaben erschienen waren, in den Sammelbänden der Chronik zusammen. (In Mädchen [Lpz. 1917] nahm er die von Thea Sternheim verfaßte Erzählung Anna auf, die 1952 u. d. T. Sackgassen zu einem Roman ausgebaut [Wiesb.] erschien.) 17 Erzählungen nennen im Titel den Namen der Hauptfigur oder einen sie charakterisierenden Terminus: Konträr zu dieser Herausstellung der Titelfigur scheint die Erzählhaltung zu sein, die sich vom Erzählten wegwendet u. sich nachdrücklich auf das Erzählen selbst, d. h. die Sätze des Textes, zu konzentrieren scheint, die nach dem Willen des Verfassers »knappsten und klarsten Ausdruck« zu geben haben. Bemerkenswert auch hier ist die Abbildung sozialer u. ideolog. Verhältnisse als Konstruktion eines satir. Sprachkontinuums, dessen Zusammenhang mit dem des Bürgerlichen Heldenlebens evident ist. Eine Perspektive auf das gesellschaftl. Ganze entwirft S., ausgehend von Einzelfiguren, in dem Roman Europa (2 Bde., Mchn. 1919/20), der nach seiner Heldin benannt ist, u. in der Autobiographie Vorkriegseuropa im Gleichnis meines Lebens (Amsterd. 1936).

Nach großen Theatererfolgen u. einer breiten Wirkung, die um 1930 deutlich nachließen (nicht zuletzt, weil S.s physischer u. geistiger Verfall sich beschleunigte; hinzu kam ein von den Nationalsozialisten schon 1932 angekündigtes, 1933 ausgesprochenes Verbot seiner Stücke), wurde S. insbes. als Dramatiker nach dem Zweiten Weltkrieg von der Wirkung des Brechtschen Theaters verdrängt. Erst das von Wilhelm Emrich herausgegebene Gesamtwerk u. die von Fritz Hofmann besorgten Gesammelten Werke sowie die Inszenierungen Rudolf Noeltes in den 60er Jahren brachten S. wieder in fruchtbare Auseinandersetzungen, die ihn als einen der bedeutenden, die Möglichkeiten literar. Satire entscheidend erweiternden Autoren des beginnenden 20. Jh. kenntlich machen.

& AUSGABEN: Gesamtwerk. Hg. Wilhelm Emrich unter Mitarbeit v. Manfred Linke. Neuwied/Bln. 1963-76. - Ges. Werke in sechs Bdn. Hg. Fritz Hofmann. Bln./Weimar 1963-68. - Briefe. Hg. Wolfgang Wendler. 2 Bde., Darmst. 1988.

& LITERATUR: Wilhelm Emrich: C. S.s ›Kampf der Metapher!‹ u. für die ›eigene Nüance‹. In: Ders.: Geist u. Widergeist. Wahrheit u. Lüge in der Lit. Ffm. 1965. - Hellmuth Karasek: C. S. Velbert 1965. - Wolfgang Wendler: C. S. Weltvorstellung u. Kunstprinzipien. Ffm./Bonn 1966. - Winfried Georg Sebald: C. S. Kritiker u. Opfer der Wilhelmin. Ära. Stgt./Bln./Köln/Mainz 1969. - Rudolf Billetta: S.-Kompendium. Wiesb. 1975. - W. Wendler (Hg.): C. S. Materialienbuch. Darmst./Neuwied 1980 (mit Bibliogr.). - Eckehard Czucka: Idiom der Entstellung. Auffaltung des Satirischen in C. S.s ›Aus dem bürgerl. Heldenleben‹. Münster 1982. - Bernhard Budde: Über die Wahrheit u. über die Lüge des radikalen, antibürgerl. Individualismus. Eine Studie zum erzählerischen u. essayistischen Werk C. S.s. Ffm. 1983. - C. S. In: Text + Kritik, 1985 (mit Bibliogr.). - E. Czucka: Schimären des Tatsächlichen. Die Maske-Tetralogie in C. S.s ›Aus dem bürgerl. Heldenleben‹. In: Neoph. 72 (1988), S. 556-581.

Eckehard Czucka

In: Walter Killy (Hrsg.): Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Bd. 11. München: Bertelsmann Lexikon Verlag 1991. S. 191-193.

Wieder in: [Autoren- und Werklexikon: Sternheim, Carl, S. 1-8. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 19987-19994 (vgl. Killy Bd. 11, S. 191-193)]

 

{Home}   {Nächste Seite}   {Vorherige Seite}   {Nach oben}

 

[Home] [Literaturwissenschaft] [Medien-/Sprachkritik] [Zimbrisch] [Aktuell] [Persönlich]