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20. Januar 2000

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THELEN, Albert Vigoleis (1903-1989)

Die Insel des zweiten Gesichts. Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis. 4 Bücher samt »Weisung an den Leser«, Prolog, Epilog und »Kolophon«; EA Amsterdam und Düsseldorf 1953.

Fünf Jahre, von 1931 bis 1936, verbringen der Erzähler Vigoleis und seine Frau Beatrice auf Mallorca; dorthin werden sie durch ein Telegramm gerufen, das den nahen Tod von Beatrices Bruder Zwingli meldet. Der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs und nationalsozialistische Repressionen gegen Auslandsdeutsche beenden ihren Aufenthalt. Diese konzise zeitliche und geographische Eingrenzung bildet den Rahmen und ein - nur oberflächliches -Orientierungsnetz für ein fast unüberschaubares Ensemble von Figuren, Ereignissen und Reflexionen. Die Fülle von Rück- und Vorverweisen, vor allem jedoch von Assoziationen, die sich aus einem schier unerschöpflichen Wortschatz speisen, widerstreiten der Erzählstrategie des auktorialen Erzählers, der sein scheinbares Versagen wiederholt thematisiert und als »Kaktusstil« bezeichnet.

Der vorgeblich sterbende Zwingli befindet sich lediglich in einer Auseinandersetzung mit seiner Freundin, der Hure Pilar. Die Lösung seiner finanziellen Probleme gelingt dem anreisenden Paar nur unter Verlust aller Geldmittel; damit verlieren die beiden den gesicherten Status der Reisenden, richten sich auf einen längeren Aufenthalt ein, verarmen zunehmend und geraten in äußerste Bedrängnis. Den Tiefpunkt ihrer Existenz auf Mallorca erleben sie, als sie aus Geldmangel gezwungen sind, in den »Turm der Uhr« zu ziehen, ein Stundenhotel, das nur zur Zeit der Stierkämpfe ausgebucht ist und dessen Abgeschiedenheit ansonsten genutzt wird, um einen florierenden Schmuggel zu betreiben. Obwohl Beatrice und Vigoleis schließlich die relative Sicherheit einer fast bürgerlichen Existenz durch ihre Tätigkeit als Sprachlehrer, Reiseführer und Sekretär erreichen, bleiben sie Außenseiter in dieser Gesellschaft, in der »jeder [...] sein eigenes zweites Gesicht hatte«. Das im Roman dargestellte Mallorca der frühen dreißiger Jahre ist bereits voller touristischer Aktivitäten und zeigt die frühe Phase des (Massen-)Tourismus in einer Zeit politischer Umwälzungen und Katastrophen. Die sich auf den Bürgerkrieg zu bewegende Gesellschaft Mallorcas ist von Pensionären, Rentiers, Anarchisten, Schmugglern, reisenden Literaten und Philosophen wie Keyserling, Keßler und Ranke-Graves und schließlich Pauschalreisenden überformt, die organisierte Gruppenreisen mit Cook’s, Kuoni oder den >Kraft durch Freude<-Schiffen NS-Deutschlands unternehmen.

Das Organisationsprinzip, das dieses stoffliche Chaos zu einer erzählerischen Einheit arrangiert, ist die Großmetapher von der »Insel des zweiten Gesichts«, die keineswegs nur uneigentliche Bezeichnung für Mallorca ist, sondern eine Fülle von Konnotationen zusammenfaßt, die in der »Weisung an den Leser« in bezug auf die Figuren so expliziert werden: »Doppelbewußtsein ihrer Persönlichkeit« und »Spaltung der ichverlorenen Gestalten«. Im Verlauf des Romans werden zahlreiche Nebenbedeutungen und Anwendungsfälle der Wendung »zweites Gesicht« ausgebreitet; dazu gehört auch der Name des Erzählers, der zugleich der des Autors ist. Mit Vigoleis (Wigalois) wird ein literaturgeschichtlicher Bezug zu dem mittelhochdeutschen Epos des Wirnt von Grafenberg hergestellt, in dem u. a. das Insel-Motiv präfiguriert ist. Im Verlauf des Romans erweist sich der Erzähler weniger als handlungs- denn als wortmächtig in dem Sinne, daß sich sein Sprechen im »Kaktusstil« als Handeln von einem bloßen, reflexionslosen Tun distanziert. Denn indem er das rechte Wort findet, bringt er in dem Roman das »zweite Gesicht« aller Dinge und Figuren zur Sprache. Das Vergnügen an dem Ernst dieser Prosa liegt im rechten Wort.

Lit.: J.Pütz (Hg.), In Zweifelsfällen entscheidet die Wahrheit. Beiträge zu A. V. T., Viersen 1988.

E. CZUCKA

Gedruckt in “Deutscher Romanführer”. Hrsg. von Imma Klemm. Stuttgart: Kröner 1991. (= Kröner Taschenausgabe 370). S. 447-449.

 

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